Elisabeth Coudoux
PROJEKTE

Sophie Reyer – Text
Nicola Hein – Gitarre

Tonverbrechung

Lukas Truniger – Elektronik
Elisabeth Coudoux – Cello

„Tonverbrechung“ ist ein Quartett, das den Dialog sucht zwischen Wort und Ton, zwischen Poesie und Improvisation. Die Lyrik und Prosa der Autorin und Komponistin Sophie Reyer werden mit akustischen und elektronischen Klängen improvisatorisch vertont. Zudem werden die Texte  dafür dem Moment entsprechend zusammengesetzt und kommentiert. Das Programm entwickelt sich gelegentlich auch in die Richtung eines „trashigen Songs“ oder klangpoetisch kommentierten Märchens. Tonverbrechung beschäftigt sich sehr gezielt mit der Auslotung des Grenzbereiches zwischen aktueller Sprache und Musik, versucht ein harmonisches Miteinander dieser beiden Kunstformen zu erzeugen, die jeder Gattung ihre Freiheit lässt.

Revue zu einem Programm „Verbrecherninnen von Innen“ Dezember 2013

 

Verbrecherinnen von Innen

Foucault hätte seine wahre Freude an dieser Vorstellung gehabt. Der Autor von Überwachen und Strafen schätzte die Provokation, vor allem die unspektakuläre, die den schnöden Beifall des Publikums scheut. Ihm behagte eine subtile Subversion, die sich auf leisen Sohlen nähert. Keine L'art pour L'art, sondern Kunst, die unsere Denkgewohnheiten irritiert. Eine Verformung der realen Gegebenheiten, die mit wohlfeiler und braver Adaption wenig gemein hat.

 

Ein derartiges Thema ist die verteufelte Frage, wie viel Überwachung eine Gesellschaft, wie viel Überwachung das eigene Ich ertragen kann. Die Klang-Performance VerbrecherInnen von Innen macht deutlich: Selbstreflexive Wesen leben von der Doppelung, dem Echo, der Spiegelung. Das Denken ist unsere individuelle Art der Überwachung des eigenen Ich. Jede Reflexion ist, so betrachtet, eine Hohlform für "Kontrolle". So wie jede "Wiedergabe" und "Wiederaufnahme" eine "Aufhebung" und damit eine Konservierung in mehrfacher Hinsicht darstellt und damit - zu Ende gedacht - immer auch eine Kontrollfunktion ausübt. Denken heißt daher "Kontrollieren" und genau das, diese intime Urform der Überwachung, ist das Thema, das in dieser großartigen Performance nicht nur zur Sprache kommt , sondern auch, dank der großartigen musikalischen Leistung, zu Klang wird.

 

Die Musikgruppe Tonverbrechung und die Performance-Art-Gruppe RaumZeitPiraten aus Köln präsentierten am vergangenen Samstag in der Galerie Schmidt & Handrup ihr Projekt VerbrecherInnen von Innen. Eine ausgesprochen anregende "interaktive Raum-Klanginstallation" mit hochkonzentrierten "Mitspielern". Dabei bildeten die wunderbar kompromisslosen Texte der Autorin Sophie Reyer, ausgehend von Foucaults Überwachen und Strafen , eines der vielen Highlights dieser Aufführung. Dem Zuschauer stand übrigens der ausgesprochen dichte Text dieser außerordentlichen Autorin als Kopie zur Verfügung. So konnte man die bemerkenswerte Qualität von Reyers Skript noch einmal separat würdigen.

 

Elisabeth Fügemann am Cello, Lukas Truniger für die Computermusik und Leonard Nicola Hein an der Gitarre - dem Ensemble gelang eine überaus anregende Klangimprovisation, wobei man in jedem Moment spüren konnte, dass es sich bei diesen Künstlern um professionelle Musiker handelt. Dazu setzten die RaumZeitPiraten Tobias Daemgen und Moritz Ellerich spielerische Impulse, indem sie freie Improvisationsvorgaben mit Kreppband quer über die Bildschirme der Musiker klebten, die in ihren Improvisationen diesen Anweisungen spontan Folge leisteten, während die Handkameras simultan Bilder auf die Bildschirme projizierten.

 

Der Anteil der Improvisation an diesem Abend verhält sich zum Gesamtarrangement wie ein Spielbein zum Standbein. Man erkennt, dass ohne die Komposition die Improvisation, ohne die Improvisation hingegen die Komposition nicht greifen würden. Die Performance wurde entsprechend durch folgende Abschnitte gliedert: 1. Dystope: Gesellschaftskritische Stimme 2. Zwangsernährung - nach Protokollen von RAF-Terroristen 3. Watching 4. Abvss - Stimmen der Täter.

 

Den Zuschauer erwartete ein einnehmender Raumklang, der in dieser Raum- und Klangskulptur dominierte, wobei das inspirierte Spiel des Cellos und die Subtilität der Gitarre auffielen, während die visuelle Realisation den gesamten Raum zu einem synästhetischen Gesamterlebnis werden ließ. So gelang eine außerordentlich anregende Klang-Installation, die sich an keiner Stelle dem Publikum anbiederte und große Lust auf mehr machte. Es bleibt sehr zu hoffen, dass die beachtlichen und experimentierfreudigen Arbeiten dieser Künstlergruppen auch künftig auf ein breites und interessiertes Publikum stoßen werden.

Die Kunst der Überwachung (30. April 2015)

Audiovisuelle Performance

 

Tonverbrechung mit RaumZeitPiraten (Moritz Ellerich, Tobias Daemgen)

Bei der Eröffnungsnacht ON@ACHT BRÜCKEN stellt sich die freie Kölner Musikszene dem Festivalpublikum vor. Schon der Einstieg in den Abend ist brisant. „Kunst der Überwachung“ droht beim Auftritt des Ensembles Tonverbrechung und des Performance-Duos RaumZeitPiraten. Der Titel gilt einem musikalisch szenischen Event von künstlerischem Wert. Der Zuschauer wird Objekt des in Ton und Bild gesammelten Datenmaterials und ist zugleich mitgestaltendes Subjekt, wenn dieses Material in das musikalische Endprodukt eingeht. Eine Ambivalenz, die unser aller Rolle im weltweiten Datenverkehr beängstigend gleichkommt.

elisabethcoudoux.com - 2016